Das Nachwuchsdilemma

By Matthias Knobloch on Email

Die Geburtenrate in den USA ist höher als in anderen Europäischen Laendern. Bezahlten Mutterschutz  gibt es in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht – zumindest keinen gesetzlich vorgeschriebenen. Viele Mütter müssen kurz nach der Geburt ihres Kindes sofort wieder an den Arbeitsplatz. Nur warum haben die US-Amerikaner im Mittel mehr Kinder als die Deutschen?

Statistisch gesehen lag die Geburtenrate im Jahr 2009 bei 2,1 Kindern pro Mutter in den USA. Den deutschen Müttern bescheinigt die Studie der Weltbank eine Gebrutenrate von 1,4 Kindern. Ein signifikanter Unterschied. Die USA ist das einzige westliche Industrieland, welches keinen bezahlten Mutterschutz per Gesetz garantiert. Lediglich der Family and Maternity Leave Act aus dem Jahr 1993 schreibt Großunternehmen vor, einen Mutterschutz von maximal zwei Monaten zu garantieren – unbezahlt. Erziehungsgeld oder Kindergeld für Eltern aller sozialen Schichten klingen in den USA wie ein Fremdwort und bedarf einer genauen Erläuterung. Die Gebühren für einen Kinderkrippen oder Kindergartenplatz koennen teurer sein als Miete fuer eine Vierraumwohnung in Chicagos hippen Wohnviertel „Wicker Park“. Warum also der Unterschied?

Deutschlands Regierung kämpft schon seit Jahren gegen die viel zu geringe Geburtenrate. Die Deutschen werden immer älter – ein Trend, welcher negative Effekte auf Sozialsystem und Wirtschaft mitsichbringt. Deutschlands Wirtschaft bekommt den Fachkräftemangel jetzt schon zu spüren.

Welche Auswirkungen ein solcher Mangel auf die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik haben kann, bedarf an dieser Stelle sicher keiner Erklärung. Die Regierung ist sich der drohenden Gefahren durchaus bewusst und versucht Anreize für junge Eltern zu schaffen. Jeder Bürger bekommt unabhaengig vom Einkommen pro Kind ein Kindergeld von 184 Euro. Für das Dritte bezahlt der Staat 190 Euro und ab dem Vierten sogar 215 Euro.

Steuererleichterungen legt der Staat als Bonus sozusagen obendrauf. Deutschlands Mutterschutzgesetze schreiben einen garantierten Mutterschutz von acht Wochen bei nahezu voller Gehaltszahlung vor. Anschließend kann die Mutter entscheiden, ob sie zurück in das Berufsleben möchte oder ob sie oder der Vater doch lieber mit dem Kind zu Hause bleiben will. In dem Fall schreibt das Gesetz einen Schutz von bis zu Zwölf Monaten vor. Bei Erhalt des sogenannten Elterngelds von maximal 1.800 Euro pro Monat. Eine Kündigung durch den Arbeitgeber ist nicht möglich.

Ein gemachtes Nest wie man meinen mag. Warum also haben die Amis mehr Kinder als die Deutschen? Sind US-Amerikaner weniger Schreckhaft? Sind sie vielleicht kinderlieber als Deutsche?

Der Soziologe Günter Burkart sieht die Gründe in den kulturellen Unterschieden beider Länder. Im Land der Autobahnen werden Entscheidungen vorsichtiger getroffen. Deutsche ziehen viele Einflüsse in ihre Entscheidungen mit ein – denken voraus. Amerikaner hingegen sind weniger eine Kultur des Zweifelns. Sie stehen dem Elterndasein weniger Schreckhaft gegenüber als wir Deutschen. Günter Burkart meint auch, dass die Religion einen großen Einfluss auf die Familienplanung ausübt. Amerikaner sehen Kinder nicht als Wohlstandsverlust sondern vielmehr als eine Investition.

Burkart geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass Kinder vor allem in der Mittelklasse der sozialen Positionierung dienen. Auch der Karriere stehen Kinder in Amerika nicht im Wege. Viele Managerinnen in US-Großunternehmen haben Kinder. 60% aller Frauen mit Kleinkindern gehen einem festen Beruf nach – ohne sich ueber diese Umstände zu beschweren. Ein Zustand, der zumindest in Westdeutschland bis vor ein paar Jahren noch schwer vorstellbar war.

Eine typisch (West-) Deutsche Familie sah vor der Wiedervereinigung so aus: Der Vater geht arbeiten, während sich die Mutter brav um die Kinder daheim kümmert. In Ostdeutschland hingegen mussten und wollten auch die Mütter einer Tätigkeit nachgehen – schließlich mussten ja die Pläne des Arbeiter- und Bauernstaates erfüllt werden. Die Kinder haben derweil ihre Zeit in Kinderkrippen und Kindergärten verbracht. Ein solcher Platz war in der ehemaligen DDR jedem Kind garantiert – ganz anders als im ehemaligen Westdeutschland. Dort passte ja schließlich die Mutter auf das Kind auf. Das ist aber genau der Grund, weshalb viele Eltern im Westen Deutschlands Probleme haben, einen anständigen Kindergartenplatz für ihre Kinder zu bekommen. Heutzutage wollen Frauen Karriere machen.

Um das Elterndasein und die berufliche Erfüllung unter einen Hut zu bringen hatte die deutsche Regierung ein Gesetz beschlossen, welches ab 2013 einen Kinderkrippen- und Kindergartenplatz für jedes Kind bundesweit garantiert. Einen Königsweg aus dem Nachwuchsdilemma gibt es sicher nicht aber hoffen wir, dass dieses Gesetz vielleicht den Trend nach oben einleiten wird.

Matthias Knobloch